Besteigung des Pico im Mai 1839*

Gestern, 11. Mai 1839, habe ich den Gipfel des Pico bestiegen… Ich startete am Morgen gegen 10 Uhr. Es ist zu dieser Jahreszeit notwendig, auf halben Weg am Berg zu übernachten, wenn man einen schönen Blick vom Gipfel haben möchte…

Nachdem wir den Küstenweg verlassen hatten, ging es über holperige Lavaflächen, die wie Asphalt aussahen und auf denen lockere Gesteinbrocken herumlagen, ins Inselinnere. Zwischen den Ritzen der Lava wuchsen Gräser und Unkraut und hin und wieder ein Brombeerbusch…Alles war schwarz und dreckig. Eisengrau war der Weg mit Spurrillen der Räder von Ochsenkarren. Die Steinmauern, die den Weg begrenzten, hatten die gleiche düstere Farbe…Leider gerieten wir bald in Dunst und Wolken, die uns die Sicht nahmen, und schließlich wurde der Nebel so dicht, dass er sich wie Regen anfühlte.

Wir erreichten nun oberhalb der Weingärten die steilere Wegstrecke…Die Mauern am Wegesrand waren teilweise zerfallen und grau, aber hinter ihnen wuchs kräftiges Gestrüpp…und schien die feuchte und warme Luft zu genießen. Der Boden war mit Moos und Gras bedeckt, und alles war frisch und smaragdgrün. Welch ein Unterschied zu den tristen, langweiligen Weingärten, an denen ich weiter unten entlanggelaufen war!…

Nach einem Aufstieg von mehreren Stunden bot sich mir jedoch ein völlig anderes Bild. Anstelle der rauen, schwarzen Steinmauern, die den Abhang des Berges so trist und öde erscheinen lassen, war er nun, von oben gesehen, dicht mit Weinreben bepflanzt….

Und dann kamen wir zu den Weiden, auf denen Schafe, Kühe und Ochsen grasten. Inzwischen regnete es so stark, dass meine Begleiter, die eine katzenähnliche Abneigung gegen Wasser zu entwickeln schienen, nicht mehr in der Lage waren, weiter zu gehen…


Hier möchte ich kurz inne halten und meinem Leser, sollte er jemals den Pico besteigen wollen, einen guten Rat geben. Er soll sich mit einem Paar stabiler Jagdstiefel ausrüsten.  Solche trug ich. Sie hatten eine feste Spitze und Stollen mit einer dreifachen Nagelreihe auf den Sohlen. Ich hörte, dass manche diese Schuhe ablehnen, weil sie zu schwer seien. Ich stimme dem nicht zu; sie sind leichter und kühler als Stiefel, und der Vorwurf, sie wären rutschig, wird durch die stabilen Eisennägel entkräftet. Bevor wir unsere Wanderung beendet hatten, waren die Sandalen eines meiner Führer an mehreren Stellen gerissen, und die hausgemachten Schuhe des anderen waren schon am Ende des ersten Tages zerfetzt, während meine beschlagenen englischen Schuhe nach dem Auf- und Abstieg so gut zu gebrauchen waren wie am Anfang…

 

Einige Wanderer nehmen ein Zelt mit; ich halte das für völlig unnötig. Eine Laterne, gute Laune, eine Decke, ein Regenmantel, ein fester Stock mit eisenbeschlagener Spitze, ein Fässchen Wein,  ein Korb mit mehr Proviant als man für nötig hält, ist alles, was man braucht…

 

Meine beiden Führer hatten lächerliche Angst; einer fürchtete die Hexen, von denen es viele auf dem Pico geben soll – z.B. sollen sich nachts auf dem Berg Feuer machen – und er habe sie erst kürzlich gesehen und schreien hören….

 

Sehr früh am Morgen, beim ersten Anzeichen der Dämmerung – das Wetter schien gut zu werden – begannen wir den Anstieg zum Gipfel. Bis oben waren es drei Stunden harte Kletterei. Der letzte Teil des Berges ist nur ein Haufen sandiger Asche, der von Zwergheide und Moosen zusammengehalten wird. Knöcheltief versinkt man in brüchigen Schlacken, die unter den Füßen wegrutschen wie die Stufen einer Tretmühle… Oben angekommen – einer der Führer vermied ängstlich einen Ort, an dem Wanderer die stinkende Luft eingeatmet hätten und daran gestorben seien – gelangten wir zum Krater des großartigen Vulkans, der all die Lava, Schlacken und Steine, über die wir nun stundenlang geklettert waren, ausgestoßen hatte. Die Öffnung war mit einer Lavaschicht verschlossen, auf der eine Unmenge von Felsbrocken und Schlacken herumlagen. Die noch teilweise runden Kraterwände sind im Südwesten und Süden etwa 100 m hoch und senkrecht, im Nordwesten jedoch zerbröckelt oder nicht mehr vorhanden, so dass wir hier den Krater betreten konnten. An der weitesten Stelle ist er 500 Fuß breit.
Die Bergspitze war noch ohne Wolken, die Morgensonne schien durch die östliche Kraterwandöffnung und verbreitete keine düstere, sondern eine heitere Stimmung. Ein scharfer Wind wehte von Nordost…
Der zweite Gipfel, der sich im Nordosten des Hauptkraters erhebt,  ist ein rauer Kegel aus Klumpen von  Lavaschlacke. An seiner Nordseite liegt ein zweiter Kegel, nur ein Dutzend Fuß hoch. Wohl eine jüngere Formation; einige der Steine waren spürbar warm, und gelegentlich wurde ein Rauchwölkchen ausgestoßen, aber nirgends war Schwefel zu riechen.
Ich blieb etwa eine Stunde oben auf der Spitze und war voller Freude über das, was ich sah, bis Wolken kamen, als die Sonne stieg, die mir die Sicht nahmen.

Ich kann die intensive und heitere Stimmung dieses luftigen Kraters nicht beschreiben. Hier gab es keinerlei Spuren eines Menschen, kein Summen eines Insekts, kein Murmeln eines Baches, kein Seufzen des Windes zwischen den Felsen, kein Zwitschern eines Vogels; kein einziger Ton  erinnerte an den angebrochenen Morgen oder an das Leben; nichts war lauter als der vorbeiwehende Schatten einer Wolke.
Kleine dunkelgrüne Moospolster, ein paar Flechten waren die einzigen Pflanzen auf dem kleineren Krater, aber der große Vulkan ist bis 100 Yards vor dem Krater mit großen Flächen von Moos und Zwergheide bedeckt….
Kurz nachdem wir diesen Platz, der so voller Schönheit war, verlassen hatten, waren wir bald von unschönen Wolkenschichten umhüllt….

 

*aus: Joseph & Henry Bullar, A  Winter in the Azores and a Summer at the Baths of the Furnas, S. 262 – 271, edited by Andreas Stieglitz, London 1841, Books on Demand GmbH, Norderstedt

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